Von CHRISTOPH PETRY

"Es gab auch eine Zeit, da hab ich ganz schön viel Glück gehabt", erinnert André Nitsch-Lauer sich. Da hat der heute 32-Jährige aus dem 180-Seelen-Dorf Sünderup bei Flensburg öfter mal bei Preisausschreiben mitgemacht. "Zweimal 1000 Mark in bar, einen Heimtrainer, Eierkocher, Sporttaschen hab ich gewonnen." Das war vor dem November 1998.

In jenem November passierte ihm das, was Hunderten Autofahrern täglich auch passiert. Ein anderer Fahrer übersieht seinen roten VW Passat Kombi und rammt ihn auf der linken Seite. Eine neue Tür ist fällig. Es ist der Anfang einer rätselhaften Unfallserie, die Nitsch-Lauer zum Crash-König von Flensburg werden lässt. Elf Unfälle in 17 Monaten. "Und ich hatte niemals Schuld."

Beim zweiten Unfall missachtet jemand die Vorfahrt und verbeult die Frontpartie des frisch reparierten Kombi. Wenig später rutscht ein Nachbar in Sünderup bei Glatteis in einer Kurve mit seinem Wagen ins Heck des Passat. Dann erwischt es wieder die Fahrertür, die diesmal ein unachtsamer Volvo-Fahrer demoliert. "Wir haben das Auto reparieren lassen, über den TÜV gebracht und im Mai 1999 verkauft."

André Nitsch-Lauer und seine Frau Elke legen sich einen Fiat Croma zu - doch auch der flotte Italiener bringt ihnen kein Glück. In einem Flensburger Parkhaus wird das gute Stück "angeditscht".

Unfall Nummer sechs ereignet sich auf einem Supermarkt-Parkplatz. Eine andere Kundin lässt ihren Wagen zurückrollen und drückt die Fiat-Front ein.

Der siebte Crash gibt dem Croma den Rest. Die Mutter einer Nachbarin biegt an einer roten Ampel mit grünem Pfeil nach rechts links ab und rammt den Fiat, in dem das Ehepaar Nitsch-Lauer sitzt. Von der Wucht des Aufpralls wird das Auto über den Bürgersteig geschleudert. Es bleibt einen Meter vor einem Lampenmast mit Totalschaden liegen.

Mit dem Abschleppwagen fährt das Ehepaar zu einer nahe gelegenen Werkstatt und nimmt einen Ford Mondeo als Leihwagen. Mit dem geht es sofort ins Krankenhaus, wo bei beiden ein Hals-Wirbel-Syndrom festgestellt wurde. Noch während man ihnen die Stützmanschetten um den Nacken legt, kommt eine Schwester und fragt, wem der Ford da draußen gehöre, den habe gerade ein Fahrzeug von der Johanniter-Unfallhilfe beim Rückwärtsfahren gerammt . . .

Andre Nitsch-Lauer kauft sich danach einen gebrauchten Audi 100. Mit dem fährt er am 29. Dezember zu seinem Arzt, der ihm erklärt, sein Hals-Wirbel-Syndrom sei so gut wie auskuriert. Am selben Tag überholt ihn an der Ausfahrt Flensburg-Süd der B 200 ein BMW, schert zu knapp vor ihm ein, und es kracht mal wieder. Nitsch-Lauers letzter Unfall im 20. Jahrhundert.

Das 21. ist noch nicht einmal drei Monate alt, da nimmt jemand André Nitsch-Lauer in Flensburg die Vorfahrt - und auch der Audi ist nun reif für den Schrottplatz.

Das Ehepaar kratzt seine Ersparnisse zusammen und kauft einen blauen BMW 318 i Touring. Die Freude über den schicken Wagen währt nicht lange: Am 4. April erwischt ihn ein Audi in einer Tempo-30-Zone. Bilanz: Verbeultes Blech, Schaden an der Vorderachse, 4300 Mark Reparaturkosten.

"Ich glaube eigentlich schon, dass ich ein sicherer Fahrer bin", sagt André Nitsch-Lauer. Er hat seit 1986 den Führerschein, seit 1994 auch den für Lkw - und von Beruf ist er Kraftfahrer, wenn auch zurzeit ohne Job. Das habe aber mit seiner Pechsträhne nichts zu tun, versichert er.

"Nur einmal, als Führerscheinneuling, habe ich selbst einen Unfall verursacht", erzählt Nitsch-Lauer. Seinerzeit war er mit dem Auto seiner Schwester zu schnell unterwegs und hat es, wie er sagt, "zerlegt". "Danach, bis 1998, ist nie wieder was passiert."

Bei seiner Haftpflichtversicherung ist er in die Schadensfreiheitsrabattklasse 9 eingestuft. "Nach 13 unfallfreien Jahren zahle ich 45 Prozent."

Seine Skat-Freunde haben zuerst gefrotzelt. "Du bist immer zur falschen Zeit am falschen Ort", hat einer gesagt. Aber "inzwischen haben die gemerkt, dass das nicht komisch ist".

Denn zu allem Ärger, den Laufereien und den ständigen Briefwechseln mit Versicherungen und Rechtsanwälten kommen nun noch Gerüchte in dem kleinen Dorf. Kann das mit rechten Dingen zugehen? Ist der Schadenersatz nicht ein "zweites Einkommen"? Schließlich hat laut Statistik jeder deutsche Autofahrer nur alle sechs bis acht Jahre Kontakt mit seiner Versicherung, sei es als Unfallverursacher oder als -opfer.

Man tuschelt hinter vorgehaltener Hand, eine Nachbarin grüßt nicht mehr, die Einladung zum Feuerwehrfest am Ostermontag ist überall in den Briefkästen gewesen - nur nicht bei Nitsch-Lauer. Elke Lauer: "Ich hoffe, dass das jetzt der letzte Unfall war und das Gerede aufhört. Man kommt sich ja als Mensch zweiter Klasse vor." Ihr Mann versichert, er habe durch die Unfälle keinen materiellen Vorteil gehabt. Keinen Unfall habe er heraufbeschworen, alle Reparaturen in Fachwerkstätten machen lassen. "Ich muss kein schlechtes Gewissen haben", sagt er. "Ich bin ein ehrlicher Mensch."

PDF   " Hamburger

  Abendblatt "

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  26.04.2000

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